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Rundbrief - Jahresbericht für 2003
Es geht dem Rennsport schlecht. Das ist nicht neu, dafür aber stark untertrieben. Es geht dem Rennsport mehr als schlecht. Die Umsatzprognose für 2004 musste von ursprünglich 80 Millionen Euro um 25% auf 60 Millionen heruntergesetzt werden. Weniger Wettumsatz bedeutet weniger Ertrag für die Rennvereine und das Direktorium, und auch Sponsoren sind immer schwerer zu gewinnen. Wir können zwar beklagen, dass Rennpreise herabgesetzt werden, aber mir sind 1800 Euro dem Sieger immer noch lieber, als ein ausgefallener Renntag oder gar ein insolventer Rennverein.
Eines allerdings an der Rennpreisgestaltung missfällt: Ganz klammheimlich haben einige Rennvereine das Preisgefälle vom Sieger zu den Platzierten zu Lasten der Platzierten verändert. Nach Ziffer 353 RO muss der Siegpreis mindestens die Hälfte der Dotierung erhalten, nach Ziffer 354 sollen die Platzierten dann 40, 20 und 10% vom Siegpreis bekommen. Es zeigt sich immer wieder, dass Soll-Bestimmungen wertlos sind. Kaum jemand hat gemerkt, dass hier stillschweigend die Guten den etwas weniger Guten etwas abgejagt haben.
Ein wesentlicher Grund - wenn auch nicht der alleinige - für die bedrohliche Situation des Rennsportes ist fraglos die desolate Wirtschaftslage. Wer seine Rente in Gefahr sieht, kauft zwar weniger oft ein neues Auto, aber haben wir nicht aus anderen viel schlimmeren Notzeiten die Erfahrung gemacht, dass steigende Arbeitslosigkeit den Spiel- und Wettmarkt boomen lässt? Hier hatten wir einst dank Rennwett- und Lotteriegesetz ein Fast-Monopol, dass der Vollblutzucht die Mittel zur Verbesserung der Landespferdezucht sichern sollte. Stück für Stück davon ist abgebröckelt. Von den 27 Milliarden Euro des gesamten Glücksspielmarktes, bestehend aus Lotto, Toto, Lotterie, Prämiensparen, Spielbanken und Automaten partizipieren Pferderennen angeblich mit 0,9%, wahrscheinlicher sind 0,5%, Traber und Galopper zusammen, und inzwischen haben daran auch noch Reitpferderennen teil.
Warum sind alle - sehr späten - Versuche des Rennsports, sich in diesem Markt besser zu platzieren, so gut wie gescheitert? Ohne Medienpräsenz - vor allem im TV-Bereich - werden wir auch in jeder Aufholjagd die rote Laterne behalten. Wieso schaffen es eigentlich dubiose Anlageberater, die aus eigener Erfahrung das Insolvenzrecht bestens kennen, genügend Geldgeber zusammenzutrommeln, mit denen sie eigene Fernsehanstalten gründen, in denen mit Jux- und Flachs-Fragespielen und Mehrwerttelefonnummern echt Geld verdient wird? Die Rennsportgemeinde mit ihren Bank-, Kaffee-, Pharma- und Parfüm-Patriarchen hat es nicht geschafft.
Wenn Pferderennen wieder interessant werden sollen, dann müssen sie von Flensburg bis Garmisch auf den Bildschirmen flimmern. Für den Rennsport eine Zwickmühle: wenn Lieschen Müller die Rennen im Fernsehen sieht, dann hat sie auch der Buchmacher und selbst der illegale Wettvermittler auf dem Schirm - ganz ohne Bezahlung. Popularität oder Bilderverkauf ist die Frage. Gefragt sind aber offenbar Pferderennen, denn wer sich eine Digitalschüssel angeschafft hat, um bei Raze-TV Rennen im Trockenen sehen zu können, der hat nach dem Auslaufen des Vertrages nun Hongkong und Stove und den Schnee von Gestern im Haus. Immerhin: Raze-TV ist auf den Geschmack gekommen, Hamburg hat das erkannt und sein Meeting in deutlich besserer Qualität unters Volk gebracht, als die bisherigen allein auf den Wetter abgestellten Sende-Experimente. Außer Formen und Quoten haben Pferderennen auch Action, Schönheit und Faszination zu vermitteln.
Ob denn ein aktualisiertes Rennwett- und Lotteriegesetz uns retten kann? Darüber zerfleischt sich derzeit die Führungsspitze unserer Gremien. Unser Präsident wurde auf seinen Stuhl gebeten, damit er seine politischen Verbindungen spielen lässt. Das tut er vereinbarungsgemäß, wenn auch die Farbe der Verbindungen zur Zeit nicht mehr so ganz stimmt. Aber was sollte den eben etwas anders eingefärbten Gesetzgeber veranlassen, dem Rennsport oder Herrn Koch entgegenzukommen, zumal die Landespferdezucht ja kaum noch auf das veredelnde Vollblut setzt? Und wenn: selbst wenn es nötig ist, wie effektiv kann ein solches Gesetz im Zeitalter des Internets überhaupt noch sein? Es schließt ein kleines Leck im Topf. Aber wie füllen wir den Topf? Wie machen wir aus den 0,5% Anteil 5% oder mehr?
Darüber hat offenbar jeder seine eigenen Vorstellungen, manchmal auch mehr den eigenen Topf im Kopf als den gemeinsamen. Wozu haben wir eigentlich mehr als 40 Delegierte im Direktorium, wenn so gravierende Fragen in Minizirkeln diskutiert werden? Etwas mehr Beteiligung der Betroffenen hätte die Betroffenheit der Beteiligten sicher milder ausfallen lassen. Gesetzesentwurf, Begründung und Gegenmeinung in einem Paket an alle Delegierten mit der Möglichkeit zur Stellungnahme ..... dann hätte der Rennsport gegenüber der Politik mit einer Stimme reden können.
Und nun den Besen vor die eigene Tür: Wir haben derzeit 424 Mitglieder und bemerkenswerter Weise nur eine Stimme im Direktorium. Unter den Mitgliedern sind auch etliche ohne aktuelle Lizenz. Manch Besitzer und selbst manch Berufstrainer, der einst Besitzertrainer war, bleibt uns treu, weil er die Interessen seiner Pferde bei uns ganz gut gewahrt weiß.
"Es gibt dreimal so viel Besitzertrainer wie Profis" beklagte kürzlich ein sehr geschätzter Trainer in der "Sportwelt". Ich warne davor, hier einen Kausalzusammenhang zu konstruieren, den es so nicht gibt. Die Berufstrainer haben nicht weniger Pferde im Stall, weil diese nun bei den Besitzertrainern stehen. Sie haben weniger Pferde, weil wir weniger amtierende Fürsten und patriarchalische Fabrikherren haben, die es sich leisten können, ihre Pferde zu Profis zu geben. Manager. Aufsichtsräte, Betriebsräte und Kreditsachbearbeiter ziehen eine Gestütsverkleinerung dem Personalabbau vor. Die Pferde jener, die weniger das Prestige sondern mehr den täglichen Umgang mit ihrem Pferd suchen, kompensieren diesen Verlust ein wenig. Ohne Besitzertrainer hätten die Profis nicht mehr Pferde im Stall, es würden fast Tausend Pferde dem Rennsport gänzlich fehlen. Langsam aber unaufhaltsam verschiebt sich das Gewicht in unserem Sport von den Königen zu den Kumpels. Die Bundesliga wäre nichts, wenn nicht auf jedem Dorfanger Bauernbuben kicken würden. Der Humus, aus dem der Rennsport Kraft schöpft und Früchte trägt, sind nicht zuletzt die Amateure im Reiter- und Trainerlager.
Unser Verein hat im Gegensatz zu allen anderen Verbänden des Rennsportes keine Finanzierung durch prozentuale Abgaben auf Renngewinne, sondern wir tragen unsere Arbeit und wichtige Wächterfunktion allein aus dem lächerlichen Jahresbeitrag von 20 EURO, wohl eine der geringsten Kostenbelastungen in unserem Sport. Diese 20 EURO einzuziehen macht aber einige Mühe, denn wenn wir Mitte des Jahres eine Einzugsliste an die Direktoriumsbuchhaltung geben, kommen in der Regel 120 unerledigt zurück. "Konto aufgelöst" oder "kein Guthaben". Bei einem Bankeinzug kostet das dann sogar noch zusätzlich Gebühren. Die einmal angedachte Beitragszahlung mit der Lizenzgebühr ist aus technischen Gründen wieder gestorben. Meine Bitte: halten Sie doch zumindest soviel Guthaben bereit, dass wir an den Beitrag kommen. Und wenn Sie den Stallnamen ändern, das Konto ändern, die Adresse ändern, dann lassen Sie uns das wissen. Sofern Sie Ihr Direktoriumskonto auflösen, geben Sie uns statt dessen ein Bankkonto auf.
Gut 20 Mitglieder sind zwei Jahre Beitrag im Rückstand. Nach unserer Satzung müssten wir sie streichen. Da aber die Lizenz seit einigen Jahren an die Mitgliedschaft gebunden ist, würde dann die Lizenz nichtig. Ersparen Sie sich und uns diesen Ärger, indem Sie prompt die Mahnung, die Sie in den nächsten Tagen bekommen werden, bezahlen.
Der detaillierte Kassenbericht lag den Kassenprüfern vor. Ich darf hier die gerundeten Daten zusammenfassen: wir hatten 2003 gut 9350,- Ausgaben, von einem Ehrenpreis zum Winter-Amateurchampionat und einer Anzeige im Terminkalender der Vereine "TurfConnect" abgesehen alles Zuschüsse an Rennvereine für Rennen, die unseren Basispferden entgegenkommen. Im Gegensatz zu früheren Jahren sind diese Zuschüsse alle an A-Vereine geflossen, und haben damit dadurch den einst so verpönten Ausgleich mit größerer Plusskala hoffähig gemacht.
Silvester hatten wir ein Guthaben von knapp 9000,- Euro, als eine Katastrophe ins Haus stand: der Ausfall aller Winterrenntage. Bei der gemeinsam getragenen Rettungsaktion konnten wir schlecht draußen bleiben. Wir haben im Rahmen unserer bescheidenen Möglichkeiten die Winterrenntage zusätzlich gesponsert, allerdings mit der Voraussetzung, dass jeweils ein Rennen nach unserem Ausschreibungsmodell stattfindet. Damit sind dann Anfang 2004 nicht nur unsere Reserven verbraucht, sondern unser Konto färbte sich leicht rot. Aber zur Beruhigung: inzwischen sind wir wieder handlungsfähig.
Nicht nur wir, auch der Amateurverband hat Federn lassen müssen. Zumindest versichert uns das deren Vorstand. Ich erwähne das, weil die Änderung der Rennordnung im Juni, mit der die Erstattung der Gewinnprozente und Reitgelder von Amateuren für Ritte auf familieneigenen Pferden wegfällt, einige Unruhe geschaffen hat. Da manche Besitzertrainer und zugleich Amateure davon hart betroffen sind, wurden wir vielfach angesprochen, dagegen anzugehen. Das, liebe Freunde, ist ein Unding. Wenn der Amateurverband als uns am nächsten stehender Verband einen solchen Antrag an das Direktorium steht, können und werden wir nicht dagegen auftreten. Wir erwarten vom Amateurverband ja auch, dass er unsere Anträge unterstützt. Wenn denn die Mitglieder anderer Ansicht sind, als ihr Vorstand, muss das innerhalb des Verbandes ausgetragen werden.
Ein Wort noch zu Reitpferderennen. Die Halbblutzüchter plädieren für eine Ausweitung und haben mittels einer "kleinen Rennordnung" sogar die Totogenehmigung erhalten. Nachdem die "Sportwelt" darüber berichtete, gab es äußerst kontroverse Meinungen dazu, von "ganz toll" bis "tödlich". Ich würde gern versuchen, einen Meinungsquerschnitt zu ergründen und bin für jedes Fax dazu dankbar.
Ebenso für Themenvorschläge. Ich weiß, die heutigen Themen lassen sich nicht unmittelbar in gewonnene Rennen umsetzen, aber wir können auch nicht jedes Jahr Dr. Endes geendete Pferdebeine zerschnippeln. Lassen Sie mich wissen, was Sie brennend interessiert, oder wo Sie einen ganz tollen Referenten entdeckt haben.
Bis zum nächsten Jahr
Ihr
Hans-Heinrich Jörgensen
Vorsitzender |
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