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Vollblutzucht - Warmblutzucht
 
Autor: Hans-Heinrich Jörgensen

Kennen Sie das Geheimnis des englischen Zierrasens? Mähen, walzen, mähen, walzen ... und das 300 Jahre lang, dann haben Sie den schönsten Rasen.

Und eben das ist auch das Geheimnis einer erfolgreichen Pferdezucht: Kontinuität im Zuchtziel über viele, viele Generationen. Das hat die Vollblutzucht den Landespferdezuchten voraus, dass sie seit über 300 Jahren, davon mindestens 215 Jahre durch saubere Gestütsbuchführung kontrolliert, das gleiche Zuchtziel ansteuert: Schnelligkeit, Ausdauer, Härte, Gesundheit, Leistungsbereitschaft ...

Thoroughbred = Durchgezüchtet nennen die Engländer diese Pferde darum auch. Alle können ihre Ahnenreihe bis zu den drei Stammvätern Darley Arabian, Byerley Turk und Godolphin Barb zu Beginn des 17. Jahrhunderts zurück verfolgen.

Das daraus resultierende Endprodukt wurde und wird in der Landespferdezucht immer wieder erfolgreich eingesetzt, um aus den ursprünglich angestrebten landwirtschaftlichen Nutzpferden, fast kaltblütigen Holzrückepferden und vom Militär gefragten Artilleriestangenpferden das heutige elegante und doch robuste Dressur- und Springpferd zu machen. Diese Neuausrichtung hat so recht erst im vergangenen Jahrhundert begonnen, als der Traktor Einzug in den Bauernhof hielt.

Wohl jedes Zuchtgebiet hat seinen Vollblut-Veredler, der die nachkommenden Generationen entscheidend geprägt hat. In Holstein begann es mit Marlon xx, dem klassischen Dressurpferd-Erzeuger, Ladykiller xx hat auch mit seinen Söhnen die Holsteiner Zucht lange und entscheidend geprägt. Bei den Hannoveranern war es Der Löwe xx, Faberger xx bei den Trakehnern . Der Oldenburger Zuchtverband schreibt selbst "Mit dem Einsatz des Vollblüters Adonis xx (1959), dem in rascher Folge weitere Vertreter seiner Rasse folgten, wurde in den 60er Jahren die Wende der Zucht in Richtung modernes Reitpferd eingeleitet."

Zugegeben, manchmal wurde auch zuviel des Guten bei der Nutzung von Vollbluthengsten getan, aber ohne den immer wieder eingekreuzten Schuss Vollblut stünde der Reitsport nicht dort, wo er heute ist.

"Englisch Vollblut" heißt die Rasse, die aber ebenso wenig wie Holsteiner, Hannoveraner oder Oldenburger wirklich eine echte Rasse verkörpern, sondern "Schläge". Nur eine "Rasse" unterscheidet sich wirklich von allen anderen Pferden, vom Shetty bis zum Kaltblüter, der Originalaraber, der einen Lendenwirbel weniger hat. Aber wie auch immer, das Vollblutpferd wird längst nicht mehr nur im Mutterland England gezüchtet, sondern überall in der Welt. Und derzeit genießt die deutsche Zucht des "englischen Vollbluts" weltweit ein riesiges Ansehen, was allerdings auch seine Schattenseiten hat. Die besten Stuten werden für siebenstellige Summen ins Ausland verkauft und damit dünnt die heimische Population bedenklich aus.

Natürlich schlägt ein Hengst weitaus mehr in der Zucht durch als die Stute, nicht weil seine genetischen Eigenschaften dominanter und damit dominierender wären, wie manch Abergläubischer wähnt, sondern einfach weil er viel mehr Nachkommen zeugt als eine Stute austragen kann.

In den Warmblutpapieren trägt der Vollblüter immer ein xx hinter dem Namen. Ein Brandzeichen kennt die Vollblutzucht nicht, sondern die Pferde haben seit langem einen Pass mit präzisem Abzeichendiagramm bis zum letzten Haarwirbel. Heute werden sie natürlich auch gechipt. Die absolut sichere Identifikation ist bei den Rennpferden nicht zuletzt deswegen so wichtig, weil es ja im Rennen und beim Wetten um recht viel Geld geht. Mit dem Rennwett- und Lotteriegesetz hat Vater Staat den Pferde-Rennvereinen das Privileg zugestanden, Wetten anzunehmen, um diese zur Veredelung der gesamten Pferdezucht so notwendige Leistungsprüfung auch zu finanzieren.

Nun hat Pferdezucht ja immer etwas Esoterisches an sich. Jeder entwickelt seine eigenen Vorstellungen, wie man denn am besten sein Zuchtziel erreicht, welcher Hengst zu welcher Stute, welches Blut zu welchem Blut passen könnte. Von gesicherten Zahlen, wie Milch-, Eier- oder Fleischleistung sie hergibt, sind wir leider weit entfernt. Und da tut sich die Warmblutzucht mit den Versuchen einer Zuchtwertschätzung noch viel schwerer als die Vollblutzucht, die mit dem GAG immerhin einen einigermaßen brauchbaren Maßstab hat.

Was ist das GAG, sprich Generalausgleichsgewicht? Damit nicht ein und dasselbe Pferd alle Rennen gewinnt, wird das erfolgreiche Pferd im nächsten Rennen durch mehr Gewicht, das es tragen muss, gehandicapt. Und nach diesem Sollgewicht werden die Pferde gestaffelt, von 44 kg am unteren Ende der Skala bis so um 100 kg herum für die Cracks. Natürlich trägt kein Rennpferd 100 kg im Rennen, aber in einem Rennen mit der Ausschreibung "GAG minus 24 kg" braucht ein 44-kg-Pferd gar nicht erst anzutreten, denn unter 47 kg steigt kein Reiter in den Sattel. Dieses Pferd wäre bei "GAG plus 12 kg" unter Seinesgleichen gut aufgehoben.

Um in der Vollblutzucht anerkannt zu werden muss ein Hengst mindestens 95 kg erreicht haben und noch ein paar Kriterien mehr erfüllen. Übrigens ist in der Vollblutzucht nur der Natursprung erlaubt. Die Gefahr der genetischen Konzentration auf einige wenige Superhengste ist damit vom Tisch. Nun sagt die eigene Rennleistung nicht unbedingt, dass sie auch vererbt wird, zumal ja auch das GAG kein absoluter Wert ist, sondern sich aus dem rennmäßigen Vergleich der Pferde eines Jahrganges oder einer Generation untereinander ergibt. Der Beste eines Jahres ist möglicherweise nur Mittelklasse im nächsten Jahrgang. Auch lässt leider die relativ kleine deutsche Vollblutpopulation eine strenge Auswahl der Stuten nicht immer zu.

Wenig bekannt, aber zur Zuchtwertschätzung noch am besten geeignet, ist ein Diagramm für jeden Hengst, auf dessen X-Koordinate das GAG seiner Stuten und auf der Y-Linie das GAG seiner Nachzucht aus diesen Stuten aufgetragen wird. Die Punktwolke zeigt deutlich, ob der Hengst verbessern kann oder nicht. In den beiden fiktiven Beispiel-Diagrammen konnte Hengst A mit einer Ausnahme Produkte zeugen, die ein besseres GAG als deren Mütter erzielten, bei Hengst B liefen die Nachkommen weniger gut als ihre Mütter.

Die Kriterien der Warmblutzucht sind sehr viel breiter gestreut: Exterieur, Dressurleistung, Springleistung … alles ist sehr viel subjektiver als der Zielpfosten der Rennbahn, und schwerer zu gewichten. Selbst wenn man die Teilzuchtwerte (Dressur und Springen) getrennt betrachtet, sagt ja die Eigenleistung eines Pferdes nicht zwingend, dass es diese auch vererbt. Die Integrierte Zuchtwertschätzung der FN findet darum auch nicht so großen Anklang bei erfahrenen Züchtern. Wenngleich das BLUP-Verfahren (Best Linear Unbiased Prediction = beste lineare unverzerrte Vorhersage) als das derzeit beste Schätzmodell in der Zuchtwertschätzung von Tieren gilt, bleibt es in der Pferdezucht doch mehr Prophetie als Prognose.

Auch wenn Vollblüter in Hengstleistungsprüfungen geschickt werden, liefern sie oft hervorragende Ergebnisse ab, z.B. Narew xx von Athenagoras, der sogar drei gekörte Söhne hinterließ, die im gehobenen Springsport für Furore sorgten. Der Celler Landbeschäler Lauries Crusador xx von WelshPageant stellt über 40 gekörte Söhne und weit über 100 Staatsprämienstuten. Im Rahmen der Hauptkörung in Verden, kürte der Hannoveraner Verband Lauries Crusador xx zum Hengst des Jahres 2006. Mit diesem Schritt, wurde erstmalig ein Vollblüter ausgezeichnet, der die Warmblutzucht in den vergangenen Jahren maßgeblich beeinflussen konnte.

In Holstein waren zur Jahrtausendwende über 30 Vollbluthengste "anerkannt", der neue Begriff für die ja weggefallene staatliche Körung.

Nicht nur in der Zucht, auch im Turniersport haben sich Vollblüter immer wieder bewährt. So wird der Weltrekord im Hochsprung mit 2,47 m seit Februar 1947 von dem Englischen Vollblüter Huaso xx gehalten, und der Hengst Brillant xx gewann sowohl 1960 als auch 1961 unter Rosemarie Springer die Deutsche Meisterschaft Dressur der Damen und war mit Willi Schultheis im Sattel Sieger im Deutschen Dressurderby in Hamburg.

Während die Top-Reiter mit Vollblütern zu Spitzenergebnissen kommen, herrscht im alltäglichen Reitbereich eher so etwas wie Angst vor dem Vollblüter vor, der angeblich außer Leerlauf oder Vollgas nichts kennt. Da kommt es in der Tat immer wieder zu Missverständnissen und Kommunikationsproblemen zwischen Reiter und Pferd. Das Galopprennpferd, das von der Rennbahn in den Reitbetrieb wechselt, hat ja eines gelernt: es soll schnell laufen, schneller als alle anderen. Und wenn es sich dann beim Ausritt auf grünen Wiesen an diese Lektion erinnert, und das tut, was man ihm eingebläut hat, gerät der Reiter in Panik und tut ebenfalls das, was er gelernt hat. Er setzt sich rein und gibt Paraden. Für das ehemalige Rennpferd aber ist das die Aufforderung zum finish. "Wo steht denn nun der Zielpfosten?" fragt es sich, und rennt noch schneller, schneller als dem Reiter lieb ist. Wurde im Rennen der Zielpfosten passiert, gibt der Reiter die Zügel hin, klopft das Pferd und beruhigt es mit Stimme.

Richtig, Vollblüter sind sensibler als Robustpferde. Sie lernen schnell, Gutes wie Falsches. Aber wenn der Reiter dem Pferd das Falsche beibringt, kann das Pferd nichts dafür.

Man kann Rennpferde, die sich als nicht schnell genug erwiesen haben, oft für "ein Butterbrot und ein Ei" erstehen. Aber es macht Sinn, dann einmal ein paar Tage im Rennstall in der Morgenarbeit mit zu reiten, um zu sehen, was dort anders gemacht wird, um die Sprache zu sprechen, die das Pferd versteht.

Mein ganz persönliches Credo: wenn ich mit 90 Jahren ein braves Spazierpferd suche, es wäre ein Vollblüter.
 
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